Deutsche für Irak / Gesellschaft

Am vergangenen Donnerstag wurde die Wirtschaftsplattform Irak zu einem Ort im Land der Ideen gekürt. Zum Frühjahrsempfang fanden rund hundert Gäste aus Kultur, Wirtschaft und Politik den Weg in die Berliner Büroräume. Ein Veranstaltungsreport mit Fotostrecke
Noch während das arabische Catering-Team vom Al Hamra die Tische deckte und im umfunktionierten Büro der Media in Cooperation and Transition (MICT) die Falafel-Fritteuse mit Fett betankte, trafen die erste Gäste überpünktlich ein. Der Arbeitsraum der Niqash-Redaktion wurde mit Sofas, Stühlen und Stehtischen zur Chill-Out-Zone umgewandelt. Klanglich untermalt wurde das bunte Treiben vom Soundcheck an der gerade errichteten Bühne. Dort stimmte der Musiker Bakri seine Qanun, eine orientalische Zither.
Um halb sieben zeigte sich dann das Treppenhaus des Hinterhauses der Brunnenstraße 9 gänzlich ungewohnt: der Ansturm von Besuchern ging weit über die Erwartungen des MICT-Teams hinaus. So bot sich bereits am Eingang die Gelegenheit für erste lockere Gespräche, die später mit einem Glas Wein in der Hand in den Büroräumen weitergeführt wurden. Das Hauptthema war natürlich dem Anlass und dem beruflichen Hintergrund der Gäste entsprechend: Der Irak.
Slideshow
Das Team der Wirtschaftsplattform Irak freut sich über die Auszeichnung.
Klemens Semtner und Ingeborg Beggel vom Irak-Referat des Auswärtigen Amtes waren sich einig, dass das MICT-Büro in Berlin-Mitte genau der passende Ort für die Preisverleihung ist. Auch andere Diplomaten zeigten sich erfreut, einmal nicht in der für diese Kreise üblichen Hochglanz-Atmosphäre in offizieller Mission unterwegs zu sein, auch wenn dafür vier Stockwerke überwunden werden mussten: Siegfried Martsch, seit zwanzig Jahren im Irak aktiv und Geschäftsführer der Martsch International Cooperation, sah schon einen Herzinfarkt auf sich zukommen. Oben angekommen war die Anstrengung schnell vergessen und das erste Gespräch begonnen. Und Siegfried Martsch hatte viel Interessantes über seine Geschäfte in der Region Kurdistan zu erzählen. Genauso wie Gelan Khulusi, Leiter der Deutsch-Irakischen Mittelstandsvereinigung Midan, der mit seiner Assistentin zur WPI-Preisverleihung aus Sachsen-Anhalt angereist war. Er nutzte unter anderem die Gelegenheit, um mit Herrn Kurth Al-Naqib einen weiteren Protagonisten kennenzulernen, über den die Wirtschaftsplattform Irak ausführlich berichtet hatte. Zu der Zeit war Hans Udo Lehmann von der Heinkel bereits intensiv auf der Suche nach Kontakten für zukünftige Projekte des Industrieunternehmes im Irak – und seine Suche wurde belohnt, als er auf Cathleen Edling vom Referat für den Nahen und Mittleren Osten des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie traf.
Die angeregten Gespräche wurden erst zur Eröffnungsrede von MICT-Geschäftsführer Klaas Glenewinkel unterbrochen, der die Auszeichnung vor allem den WPI-Korrespondenten im Irak widmete: „Für die Plattform berichten unsere irakischen Kollegen unter schwierigsten Bedingungen aus allen Teilen des Landes objektiv und professionell. Ihnen gebührt der Preis ganz besonders.“
Nicht ohne die Arbeit des deutschen Redaktionsteams gebührend zu würdigen, gab er das Mikrofon an Ministerialdirektor Rüdiger Freiherr von Fritsch, den Leiter der Abteilung Wirtschaft und nachhaltige Beziehungen im Auswärtigen Amt, weiter. Da ein gebeuteltes Land wie der Irak noch Zeit brauche, um politisch und wirtschaftlich stabil zu werden, sei die Förderung der deutsch-irakischen Wirtschaftsbeziehungen durch WPI besonders wichtig: „Statistiken und Zahlen alleine schaffen bei Unternehmern kein Vertrauen. Der journalistische Ansatz hingegen bietet einen tiefergehenden Einblick in das Land – und genau da setzt die Wirtschaftsplattform Irak an.“
Links zum Thema+ Wirtschaftsplatform Irak- Arabisch
+ Serie: Herr Kurth will in den Irak
+ Behindertenprojekt der HU Berlin
+ Extractive Industries Transparency Initiative
Da der Botschafter des Iraks, Alaa Al-Hashimy, kurzfristig absagen musste, richtete Rabiah Al-Shalji von der Wirtschaftsabteilung der Botschaft seine Glückwünsche ans WPI-Team aus. Sie betonte die bedeutende Rolle der Wirtschaftsplattform Irak bei der Unterstützung des Iraks. „Wir hoffen, dass die Wirtschaftsplattform Irak auch weiterhin ihren Beitrag zur Entwicklung der bilateralen Beziehungen leisten wird.“ Den anwesenden Unternehmern zeigte sie sich zuversichtlich, dass auch die neue Regierung nach den Parlamentswahlen im März den Ansatz der bisherigen Regierung fortführen und für die Schaffung von Sicherheit und Wirtschaftsförderung einstehen wird. Weiter versicherte sie: „Die irakische Botschaft ist bereit, alle Unternehmen zu unterstützen, die sich am Wiederaufbau des Landes beteiligen wollen.“
Höhepunkt der Reden war das Podiumsgespräch des WPI-Chefredakteurs Ralf Grauel mit dem ehemaligen Weltbankmanger und Gründer von Transparency International, Dr. Peter Eigen. Darin gab er einen Einblick in die Arbeit der Extractive Industries Transparency Initiative (EITI), der er ebenso vorsteht und die weltweit zu mehr Transparenz in den Rohstoffindustrien beitragen will. Der Aufbau einer Landesgruppe im Irak gestalte sich angesichts der weit verbreiteten Korruption und der weitgehenden Abwesenheit von zivilgesellschaftlichen Organisationen allerdings als sehr schwierig. Zivilgesellschaftliche Organisationen sind neben Regierung und Wirtschaft eines von drei tragenden Elementen des strategischen Ansatzes EITI’s zur Bekämpfung von Korruption. „Daher sind“, so Dr. Eigen, „Projekte wie die Wirtschaftsplattform Irak umso wichtiger. Denn sie verfügt über Kanäle ins Land und wird somit zum Bestandteil zivilgesellschaftlichen Engagements im Irak.“ Aber auch die Wirtschaft muss in die Pflicht genommen. Eigen appellierte auch an die Verantwortung westlicher Unternehmen, nicht Teil korrupter Systeme zu werden.
Holger Lösch, Geschäftsführer der Marketing für Deutschland, die die Standortinitiative „Deutschland – Land der Ideen“ unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler koordiniert, hob die kreative und gelungene Verbindung von Zivilgesellschaft, Journalismus und Wirtschaftsförderung hervor: „Das ist auch der Grund für mich, den Preisverleihungstermin persönlich wahrzunehmen. Von 365 Preisverleihungen pro Jahr kann ich nur bei maximal zwanzig Terminen erscheinen.“
Auch Paul Lindner, Leiter des Investment- und Finanzcenters der Deutschen Bank, die den Innovationswettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“, bereits im fünften Jahr finanziert, sparte in seiner Laudation nicht an Anerkennung für die Arbeit der deutsch-irakischen WPI-Redaktion: „Innovation und Kreativität sind die treibende Kraft im Land der Ideen. Die Wirtschaftsplattform ist nicht nur das – sie ist ein einzigartiges Projekt, das sogar über die Grenzen Deutschlands hinweg wirkt.“
Schließlich kam es zum Höhepunkt des Abends: zur Übergabe des Preises durch Holger Lösch. Das gesamte Team der Wirtschaftsplattform Irak wurde auf die Bühne gerufen, fotografiert, und durfte den Pokal mal in die Hand nehmen.
Dann wurde das Buffet schließlich eröffnet: Gefüllte Weinblätter, Hummus, Fattousch, Tabouleh, arabische Lammwürste, kleine Pizzen, belegt mit Thymian-Sesam-Olivenöl-Mischung, rote Linsensuppe und viele weitere arabische Spezialitäten ließen keine kulinarischen Wünsche offen. Als der Musiker Bakri seine Qanun anstimmte, gewann das feierliche Ambiente an orientalischem Flair. Mit dem metallisch-meditativen Klang der arabischen Zither zauberte er vielen Anwesenden ein Lächeln ins Gesicht – vielleicht war aber auch der libanesische Wein nicht ganz unschuldig daran.
Der Hunger war längst gestillt, die ersten Gäste bereits auf dem Weg nach Hause, in der Chill-Out-Zone der Niqash-Redaktion gab der Irak- und Iranexperte Dr. Wilfried Buchta von UNAMI (United Nations Assistance Mission for Iraq) Ralf Grauel Nachhilfeunterricht in Sachen Irak, als Dina Fakoussa, Redakteurin der an diesem Abend gestarteten arabischen Version der Wirtschaftsplattform Irak , zum Mikrofon griff. Mit engelsgleicher Stimme begann sie zu Bakris Musik „Uyun Al-Qalb“ (Die Augen des Herzens) von Nagat Al-Saghira zu singen − Zur Überraschung aller Anwesenden, aber vor allem ihrer Kollegen! Es klang wie eine Liebeserklärung; vielleicht galt sie ja dem gelungenen Abend.
Fotos: Christian Frey (studiofrey.com)
Veranstaltungshinweis: Am Freitag, den 26.02.2010 spielt Bakri mit seiner Band in der Al Hamra-Bar.














